Abschied von meinem Lieblingsmenschen
Wie ich den Tod meiner Oma erlebte und verarbeite

Es war Freitag. An sich war es ein gewöhnlicher Freitag während der Schulzeit. Ich erinnere mich noch sehr genau, wann diese eine spezielle Nachricht auf meinem Smartphone aufpoppte. Ich saß mit meiner Tochter im Ärztezimmer unseres Kinderarztes. Meine Mutter schrieb mir: „Weiß noch nicht, ob ich heute Abend komme. Oma ist gestern ins Krankenhaus gekommen. Ihr ging es sehr schlecht. Ihr Blut ist vergiftet. Katheter war zu lange drin, hatte schon länger Schmerzen, wollte aber nicht ins Krankenhaus. Gestern musste sie wohl doch eingeliefert werden und wurde operiert.“

Ich hatte nicht wirklich viel Zeit, die Nachricht zu verstehen oder zu hinterfragen. Der Arzt kam genau in diesem Moment herein und die Untersuchung meiner Tochter begann. Während wir auf das Blutabnahme-Team warteten (Chiara, sollte eine Blutabnahme für einen Vitaminmangel-Test erhalten), schrieb ich meiner Mutter zurück, dass ich mit Chiara in etwa einer Stunde im Krankenhaus sein könnte. Doch meine Mutter wollte nicht, dass Chiara ihre Oma unter diesen Umständen noch einmal sieht.

In meinem Kopf schossen die Gedanken hin und her. Könnte es ernsthaft sein, dass meine Oma heute stirbt? So viele Male war es schon so schlecht um sie gestanden und immer wieder rappelte sie sich wieder auf. Chiara hatte seit einigen Wochen Depressionen und ich war mir unsicher, ob es besser wäre, sie von diesem Abschnitt des Lebens fernzuhalten oder es besser wäre, sie daran teilhaben zu lassen. Immerhin ist es ihre Uroma und Chiara ist 14 Jahre alt und kann somit schon die meisten Situationen selbst sehr gut einschätzen. Meine Mutter untersagte mir jedoch, Chiara mit zur Oma zu nehmen. Dies sei kein Anblick für ein junges Mädchen, besonders nicht zurzeit.

Meine Oma - Eine tolle Frau

Meine Oma wurde 1930 in Heilbronn geboren und hatte den 2. Weltkrieg mit allen hässlichen Gesichtern miterlebt. So musste sich auch den 14. Dezember 1944 miterleben. Der Tag, an welchem ihre geliebte Heimatstadt in Schutt und Asche gebombt wurde. Sechs Kinder hat sie groß gezogen. Hatte fast bis zum Ende blondierte Haare, war sehr intelligent, witzig und immer charmant. Sie war immer wirklich immer gerichtet und roch verdammt gut. Eine faszinierende Frau mit Charakter. Und sie liebte Blumen!

Sie hatte einen Schrebergarten gegenüber vom Heilbronner Trappensee. Noch heute denke ich jedes Mal an sie, wenn wir zum Trappensee-Biergarten gehen und ich die Zufahrt zu den Gärten sehe. Stundenlang bin ich mit ihr dort in ihrem schönen Garten gesessen. Wir haben erzählt, gelacht oder die Ruhe genossen. Sie hat mir von ihren Blumen erzählt und erklärte mir, welche Namen sie haben, wie sie angelegt werden mussten, woher sie den Samen „stibitzt“ hatte und auf was man achten sollte.

Ob andere ihr Oma auch so sahen und wahrnahmen, wie ich es tat? Viele kennen ihre Oma nicht mal für andere ist sie wie für mich auch: Mutterersatz. Sie war für mich, seit ich 15 Jahre alt war, solch ein Mutterersatz. Meine Mutter ist ihre Tochter. Meine Mutter und ich hatten bis dahin keine leichte Beziehung und meine Oma war unser oft notwendiger Vermittler. Sie hat immer wieder versucht, die Wogen nach jedem Streit so gut es ging zu glätten. Wie sollte das nun ohne sie weitergehen?

Die Verpasste Chance

Am Abend des besagten Freitag waren wir zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Irgendwie ging ich schon etwas neben mir zu dieser Feier. Denn nach feiern war mir tatsächlich nicht, aber zu Hause rumsitzen hätte es nicht besser gemacht, richtig? So waren auch die Kinder beschäftigt und ich könnte vielleicht mit anderen die Oma kannten, etwas reden und trauern.

Auf der Hinfahrt zur besagten Feier kamen Gedanken in mir hoch. Ich ging die ganze letzte Woche noch mal durch. Unseren letzten Kontakt.

„Was, wenn du letzte Woche die letzte Chance verpasst hast, sie noch einmal lebend zu sehen?“

Eine Woche zuvor wollte ich mit meiner Tochter noch zu ihr fahren. Sie wohnte seit knapp drei Wochen in einem Pflegeheim unweit der Schule unserer Kinder. Ich wollte sie bitten, mit Chiara über den Tod und die Angst vor dem Sterben zu sprechen. Wir hatten noch telefoniert. Sie sagte mir, dass sie mit Chiara reden würde. Wir lachten noch und ich erzählte ihr von meinem DNA-Test. Sie wollte mir noch viele Familiennamen und -verzweigungen nennen. Sie sagte aber auch: „Melli, sterben will ich immer noch!“

Oma geht seit einigen Jahren zur Dialyse. Ihre Nieren versagten immer weiter, sodass es nur eine Frage der Zeit war. Die Dialyse hatte ihr sehr zu schaffen gemacht. Die trockene und dadurch sehr empfindliche Haut, die schon riss, wenn ein Pflaster entfernt wurde, aber auch das Jucken ließ sie oft viele Nächte nicht schlafen. Sie weinte viel und war oft sehr verzweifelt. Wir haben beide häufig und viel geweint, weil es ihr so schlecht ging. Sie so leiden zu sehen, fiel mir sehr schwer.

Aber warum sind wir nicht zu ihr gefahren? Ich war nach der Schule mit Chiara bei ihrem Psychologen und wir wollten im Anschluss direkt weiter ins Pflegeheim fahren. Wir verließen die Praxis und Chiara meinte zu mir: „Mama, ich habe so großen Hunger. Können wir bitte nach Hause fahren“. Sie war so blass und ich weiß aus Erfahrung, wie anstrengend so eine Sitzung ist. Also fuhren wir nach Hause. Ich kochte und wir aßen alle zusammen. Ich hatte auch komplett vergessen, dass die Schule freitags nun schon um 13 Uhr endete und es daher kein Mittagessen mehr gab.

Allerdings wurde die Zeit nun knapp, denn wir mussten um halb sechs bereits bei Chiaras Klavierstunde sein. Das eine gab das andere und wir fuhren nicht mehr zur Oma. Leider. Mit dem heutigen Wissen, ein nicht wieder gutzumachender Fehler.

Der Abschied begann

Meine Mutter sah traurig, aber auch sehr gefasst aus, als sie uns erzählte, dass wir besser morgen noch einmal Oma besuchen und uns verabschieden sollten. Die Sepsis sei stark fortgeschritten und sie sei nicht mehr ansprechbar gewesen. Es würde wohl nichts mehr werden mit der Oma.

Stumm brach ich in Tränen aus. Es war nicht aufzuhalten. Die Geburtstagstafel war voller Gäste. Es waren nur wenige Familienmitglieder anwesend, mehr Freunde und Nachbarn. Mein Mann legte seine Hand auf mein Bein und meine Mutter nahm mich in den Arm. Sie meinte: „Schau Melli, Oma wollte doch auch gerne sterben. Sie wollte doch nicht mehr leben und leiden. Nun bekommt sie zumindest, was sie möchte.“ Ja! Das stimmt schon, aber… weinen wollte ich trotzdem.

Ich musste an meine verpasste Chance denken. Daran, dass ich ihre Stimme wohl nie wieder hören würde. Ich dachte darüber nach, mit wem ich nun über meine Beziehung zu meiner Mutter sprechen werde und wer in meiner Familie nun noch übrig ist, der auch nur annähernd so tickt wie ich. Meine Oma und ich waren uns sehr ähnlich. Chiara informierte mich erst vor wenigen Tagen, dass Gene oft eine Generation überspringen. Es wäre also normal, dass ich sei wie ihre Ur-Oma und sie sei eben mehr wie meine Mutter. Halleluja, da wurde mir plötzlich ganz schlecht und mir wurde deutlich bewusst: Ich bin ab jetzt alleine. Auf mich gestellt. Gefangen zwischen meiner Mutter und meiner Tochter.

Der (vor-)letzte Besuch

Als wir auf der Heimfahrt im Auto saßen, schaute mein Mann mich an und sagte: „Wollen wir morgen oder jetzt gleich ins Krankenhaus fahren?“ Ich liebe ihn in diesen Momenten immer ganz besonders. Er weiß genau, was ich jetzt brauche. Wir fuhren nach Hause, versorgten alle Kinder mit TV-Programmen und ich meldete uns auf der Intensiv-Station an. Der (vor-)letzte Besuch stand an.

Auf der Fahrt ins Krankenhaus malte ich mir aus, wie es sein könnte. Vielleicht wird sie doch noch aufwachen. Sie wird noch mal „Melli“ sagen, mit diesem bestimmten Unterton in der Endung. Ich werde sie noch mal riechen können. Wir werden vielleicht noch mal lachen. Tschüss sagen und "Ich hab dich lieb".

Nichts von alledem geschah. In ihren Augen war bereits Leere. Sie murmelte nur noch einige Male „Aua“, ansonsten lag sie einfach nur da. Ich versuchte noch einmal ihren Duft zu erhaschen, aber leider blieb auch das für mich nur ein Wunschtraum. Sie wurde bereits gewaschen und roch nach Krankenhaus. Steril und kalt. Es war nichts mehr von ihr da.

Wir blieben noch ungefähr eine Stunde bei ihr und ich sagte ihr, dass sie es bald geschafft und sie dann keine Schmerzen mehr haben wird. Natürlich auch, dass ich sie immer in Erinnerungen behalten und ich sie vermissen werde. Jeden einzelnen Tag.

Der Abschied

Meine Mutter schrieb mir am Samstagmorgen, wir sollten zeitnah zur Oma gehen. Heute Abend um 19 Uhr würden die Geschwister dem Arzt gemeinsam das OK geben, die Medikation einzustellen und dann würde laut den Ärzten alles sehr schnell gehen.

Mein Mann war auf einen Junggesellenabschied eingeladen, aber es war weder ihm noch mir nach feiern zumute, daher kam er nach dem Frühstück zurück. Ich wollte meine Oma so nicht noch einmal sehen. Also beschloss ich, dass ich oder besser wir nicht mehr zu Oma gehen werden und die Zeit für meine anderen Cousins und Cousinen zu lassen.

Wir waren gerade auf unserem Hundespaziergang, als meine Mutter anrief und meinte, es seien alle da. Die Geschwister und die Enkelkinder. Einfach alle, die teilnehmen wollten an Omas Abschied. Sie sei total überrascht, aber wir könnten auch kommen, wenn wir wollten. Wir liefen rasch nach Hause, holten unsere Tochter von einer Freundin ab und brachten sie zu den Jungs. Kurz nach 20 Uhr traten mein Mann und ich in Omas Zimmer.

Es waren wirklich alle da. Wir hielten abwechselnd Omas Hände. Überall flossen Tränen, sogar Oma weinte eine letzte kleine Träne. Wir beobachteten ihre letzten Atemzüge. In den letzten Minuten sah man, dass der Herzschrittmacher komplett die Arbeit alleine machte, bevor Oma den letzten tiefen Atemzug machte. Noch nie war ich dabei, wenn jemand starb. Nie mehr werde ich dieses letzte Atmen vergessen. Der Raum füllte sich in tiefes Schluchzen. Die Tränen flossen und Taschentücher wurden verteilt. Alle streichelten sie noch einmal, gaben ihr ein Küsschen und wünschten ihr eine gute Reise.

Es war vorbei. Ein erfülltes Leben war zu Ende.

Heute ist Tag 8 ohne Dich

Liebe Oma,

heute ist Tag 8 ohne Dich. Ich habe Dir jeden Tag ein kleines Update in den Himmel geschickt. Ich hoffe, es kam alles an. Keine Angst, ich versuche mich wacker zu schlagen und denke jeden Tag an Dich.

Eine Kuscheldecke konnte ich aus deinem restlichen, winzigen Nachlass in deinem Pflegeheim-Zimmer ergattern. Ich habe gehofft, sie würde noch nach Dir riechen. Sie war aber neu und Du konntest sie noch nicht so oft benutzen, sie roch daher leider nicht nach Dir. Sie liegt jetzt auf unserem Hocker im Wohnzimmer, gleich neben Deinem Lieblingssessel und immer wenn ich sie sehe, denke ich an Dich.

Mach Dir keine Sorgen um uns, wir schaffen das. Wenn es mal wieder überhaupt nicht mehr geht, setze ich mich in den Garten oder laufe zum Trappensee und bewundere dabei die schönen Blumen.

Wir sehen uns wieder. Irgendwann. Ich hab Dich lieb.

Deine Melli

Anmelden to leave a comment
Raffiniert, schnell und scharf: Tomatensuppe
Eine Suppe die wir alle lieben und meist alle Zutaten im Haus verfügbar sind